Der Wind frischt auf. Feine Schneeflocken prasseln mir ins Gesicht. Sicherlich nicht der perfekte Tag für einen Lauf im Schnee. Doch die Schneedecke ist nicht hoch und zusammengepresst vom Wind. Der Untergrund griffig und nicht eisig. Die Bedingungen für einen Lauf am Morgen sind somit gar nicht so schlecht. 🥶 Und wer möchte nicht der erste sein, frische Spuren in den Schnee zu ziehen.
Salzsteig#
Nachdem ich gestern den Moorwald südwestlich von Bad Leonfelden erkundet habe, folge ich diesmal einer alten Straße in den Norden nach Tschechien. Die Grenze ist von Bad Leonfelden gerade mal 4 km entfernt.
In der Vergangenheit war dieser Feldweg eine bedeutende Straße, der Linzer Steig. Salz wurde aus den salzreichen Alpen in Salzburg und dem Salzkammergut nach Böhmen transportiert. Dafür machten sich von Linz aus tausende Wägen jedes Jahr auf, um das wertvolle Konservierungsmittel in die böhmischen Städte zu liefern. Schließlich besitzt das böhmische Hochland keine Salzlagerstätten. Mit dem Handel gelangten wiederum böhmische Erzeugnisse, das berühmte Glas und Bier, Mohn und Hopfen, in die alpinen Regionen. Ein fruchtvoller Handel.
Ab 1827 wanderte der Handel zunehmend auf Schienen. Die erste Pferdeeisenbahn Österreichs, die zweite Eisenbahnstrecke außerhalb Großbritanniens, wurde zwischen Linz und Budweis errichtet. Noch heute lassen sich dennoch Spuren in der Landschaft erkennen, auch wenn der Handel schon lange eingeschlafen ist. Der Weg ist gesäumt von Bäumen, die die Straße weithin sichtbar kennzeichnen. Sie fungierten als Windschutz und Schattenspender im Sommer für die Handelsleute.
Wasserscheide#
Bis zur Großen Rodl zieht sich dieses Band. Den Bach überquere ich mithilfe einer kleinen Brücke. Danach laufe ich den leichten Anhang vorbei an einem Bauernhof hinauf in ein kurzes Waldstück. Oben angekommen, wieder aus dem Waldstück heraus, vermerkt ein großer Stein die Bedeutung des so unscheinbaren Hügels. Hier verläuft die Große Europäische Wasserscheide. Regen, der südlich von hier fällt, fließt in die Donau und schlussendlich vom Schwarzen Meer in das Mittelmeer. Und Regen, der nördlich fällt, fließt über Moldau und Elbe in die Nordsee. Eine kurze Pause gönne ich mir hier.
Von der Anhöhe laufe ich leicht bergab. Vorteil der Hochebene um Bad Leonfelden sind auf jeden Fall die sanften Anstiege. Bei einem großen Gehege blickt mich verdutzt eine Herde Damwild an. Die denken sich bestimmt, was ich bei diesem Wetter draußen bloß mache. Ihr Geweih und Pelz sind belegt vom Schnee. Sie suchen Schutz bei einem umgefallenen Baum, dessen kahle Äste ein übergroßes Geweih bilden.
Mühlviertler Bauernhöfe#
Nur mehr wenige Bauernhöfe befinden sich in dieser Grenzregion. Vor über drei Jahrzehnten war man hier am Ende der Welt. Weiter nördlich konnte man nicht gehen. Der Eiserne Vorhang schnitt die Höfe von ihren nördlichen Nachbarn in Böhmen ab. Die streng bewachte Grenze verunmöglichte den Grenzübertritt und der Austausch zwischen den in der Vergangenheit eng verzahnten Regionen flaute ab.
Die Höfe weisen die für das Mühlviertel so typische Baustruktur auf. Große, unhandliche Granitblöcke formen ihre Mauern. Zumeist sind sie auf einer Seite hin offen. In der Vergangenheit befand sich im Hof ein großer Misthaufen, welcher heutzutage glücklicherweise fehlt.
Grenzübergang#
Schwedenschanze#
Nicht mehr weit bis zur Grenze. Doch mit der Schwedenschanze erwartet mich noch eine militärische Stellung. Sie datiert nicht aus dem letzten Jahrhundert, sondern ist wesentlich älter. Im Dreißigjährigen Krieg bauten die kaiserlichen Truppen die Anhöhe zur Stellung aus, falls das schwedische Heer, das die Protestanten in Böhmen unterstützte, die alte Salzstraße zum Angriff von Linz nutzen sollte. Zu einer Schlacht kam es nicht. Das Bollwerk schreckte die schwedische Armee ausreichend ab.
Der südlichste Punkt#
Ein paar alte Kanonen überwachen hier noch die Mulde, mehr zu Anschauungszwecke als für eine tatsächliche Verteidigung. Die Baumgrenze markiert bereits die Grenze zu Tschechien. Es nur mehr 100 m zum Grenzübergang, der weniger spektakulär ausfällt: Eine kleine Brücke über ein kleines namenloses Bächlein, das in den Granitzbach fließt, mit zwei Schildern für Österreich und Tschechien.
Davor zweigt jedoch ein kleiner Trampelpfad ab, der an der Grenze entlang führt. Die Grenzsteine sind leicht zu erkennen. Der Weg für zu einer kleinen geografischen Besonderheit, dem südlichsten Punkt Tschechiens. Ein 2013 errichteter Gedenkstein mit einer Plakette bezeugt dies. Der Grenzstein neben dem Granitzbach ist der südlichste Punkt Tschechiens. Danach fließt der Granitzbach nach Norden. Er bildet für etliche Kilometer die Grenze.
Miesenwald#
Weiter nach Tschechien vordringen möchte ich dann doch nicht. Die nächste größere Stadt, Vyšší Brod bzw. Hohenfurth, befindet sich noch ein ganzes Stück entfernt. Für so eine Reise hab ich nicht ausreichend Proviant mit. Deshalb Umkehr. Zurück. Doch dafür wird ein anderer Weg eingeschlagen. Bei den Fischteichen, die ich auf den Weg zur Schwedenschanze passiert habe, zweige ich ab in den Miesenwald.
Herrlich. Der Schotterweg ist gefroren und leicht mit Schnee bedeckt. Kein Schlamm somit bleiben meine Schuhe sauber. Die Äste der Fichten und Tannen sind mit Schnee gezuckert. Kein Wind. Und als ich aus dem Wald herauskomme, breitet sich in der Ferne Bad Leonfelden aus. Eine wunderbare Weitsicht wäre mir garantiert gewesen, wenn nicht der Nebel und das Schneegestöber wäre.
Jetzt ist es auch nicht mehr weit zurück in die wollig, warme Unterkunft. Noch ein paar Wiesen, Felder, Straßen überqueren und dann kann ich auch schon einen heißen Tee an der Bar genießen.